Annabelle (Name geändert) überraschte mich im Job-Interviewtraining: Sie strukturierte ihre Antworten so klar, dass ich ihre Argumentationsweise fast optisch vor mir entstehen sah – wie einen Argumentationsbaum, bei dem jedes Argument schlüssig auf dem vorhergehenden aufbaute. Ich liess mich ganz entspannt durch ihre Schilderungen führen. Und es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, wie sie das alles zustande brachte.
Peter Näf
Zürich, Juni 2026
Fehlende Struktur ist eine hartnäckige Unzulänglichkeit von Bewerbenden in Job-Interviews. Wenn Argumente nicht sauber aufeinander aufbauen oder nicht in einer logischen beziehungsweise chronologischen Reihenfolge präsentiert werden, muss ich als Interviewer die Puzzlesteine selbst zusammensetzen – und mache damit die Arbeit der Bewerbenden.
Die Gründe für dieses kommunikative Durcheinander sind vielfältig: Ein zentraler Punkt ist fehlende Vorbereitung – obwohl zielgerichtete Kommunikation genau davon lebt, wie ich es im Artikel «Die 3 wichtigsten Erfolgsfaktoren im Job-Interview sind…» beschrieben habe.
Überlassen Sie Ihrem Gehirn die Führung
Wer schon einmal eine Präsentation gehalten oder eine schriftliche Arbeit zu einem komplexen Thema verfasst hat, weiss: Eine klare Struktur erleichtert das Verständnis erheblich – auch wenn sie oft mühsam zu erarbeiten ist.
Zudem beantworten viele Bewerbende die Fragen zu unmittelbar. Unser Gehirn ist zwar schnell; aber nicht so schnell wie unser Mundwerk, wenn wir es loslassen, bevor wir genügend nachgedacht haben. Das Gehirn ist dann laufend damit beschäftigt, den Schaden aufzuräumen, den unser ungesteuertes Kommunikationsorgan anrichtet. (siehe Artikel: «Wie Sie sich im Job-Interview um Kopf und Kragen reden»).
Dagegen empfehle ich einen kleinen Trick: Halten Sie nach dem Verhallen der gestellten Frage kurz inne, bevor Sie antworten. Damit setzen Sie das Gehirn an die Spitze; der Mund folgt und kommuniziert, was das Denken produziert. Kurz gesagt: zuerst denken, dann reden.
Genau so ging Annabelle vor. Doch das allein erklärte ihre ausserordentlich strukturierte Kommunikation noch nicht. Was also war das Entscheidende?
Fragen sind wichtiger als Antworten
Nach etwa einer Stunde wurde mir ihr Geheimnis klar: Wir hatten eine anregende Zusammenarbeit und lachten viel. Und je mehr sie sich im Gespräch entspannte und Sicherheit gewann, tat sie explizit, was sie vorher vermutlich unausgesprochen tat: Sie wiederholte meine Fragen. Auf meine Frage «Was ist Dir in einem Arbeitsumfeld wichtig?» wiederholte sie langsam: «Was ist mir in einem Arbeitsumfeld wichtig?» Ihre Augen bewegten sich dabei, als würde sie die Antwort innerlich suchen.
Sie liess sich Zeit und antwortete dann lebendig und anhand von konkreten Erfahrungen. Diese Paraphrasierung erfüllte gleich zwei Funktionen: Sie verschaffte ihrem Gehirn Zeit, die Führung zu übernehmen. Entscheidend aber war: Sie aktivierte ihr Denken, indem sie es explizit befragte und ihm Zeit liess, die Antwort zu finden.
Das Erfolgsgeheimnis liegt also darin, unsere Energie richtig einzusetzen: Wenn wir uns bewusst die richtigen Fragen stellen, folgen die passenden Antworten fast von selbst.
