Ich ging immer davon aus, dass wir eine Arbeitslosenversicherung haben, damit Stellenlose nicht den erstbesten Job annehmen müssen. Auch die Gesellschaft profitiert, wenn Menschen dort arbeiten, wo sie ihr Potential entfalten können. Meine Kundin allerdings sagte: «Die RAV-Beraterin erklärte mir, ich müsse jeden Job annehmen, der mir angeboten werde.» Was gilt nun?
Peter Näf
Zürich, Mai 2026
Diese Aussage liess meinen Puls ansteigen und rief meinen direktiven Anteil auf die Bühne: «Und Sie suchen eine Stelle, die Sie interessiert und für die es Sie braucht!» Ihrem erleichterten Lächeln entnahm ich, dass sie es ähnlich sah. Anscheinend war sie eingeschüchtert worden und fürchtete Sanktionen. Zwischen Systemlogik und persönlicher Karrieregestaltung besteht ein Unterschied. Das RAV denkt in Zumutbarkeit. Ich denke in Potential.
Ihre Aussage machte sie nach einigen Sitzungen im Rahmen eines Outplacements. Sie erzählte, auf welche Stellen sie sich bewarb – zum Beispiel Mitarbeiterin am Empfang. Das irritierte mich. Ich sah vor meinem geistigen Auge eine unterforderte, gelangweilte Person. So uninspiriert wie sie über diese Stellen sprach, schien es ihr selbst so zu ergehen.
Entscheiden Sie selbst, wer Sie sind
Wie kam die RAV-Beraterin zu ihrer Einschätzung? Meine Kundin war 58 Jahre alt und hatte nach vielen Jahren ihre gut bezahlte Stelle in der Finanzdienstleistungsbranche verloren. Sie hatte in ihrer bisherigen Karriere in anspruchsvollen, aber nicht hochqualifizierten Stellen gearbeitet.
Outplacement war für sie Neuland. Sie sagte wiederholt, nie in ihrem Leben hätte sie sich so intensiv mit sich selbst beschäftigt. Sie liess sich auf dieses Abenteuer ein in der Art, wie sie vor längerer Zeit sich für viele Jahre im Ausland ein selbständiges Auskommen aufgebaut hatte. Sie investierte viel Zeit ins Storytelling. Dabei erinnerte sie sich an viele vergessene Erfahrungen und bewältigte Herausforderungen.
Ohne eigenes Engagement geht’s nicht
Sie entdeckte auch neue Talente und entwickelte Stolz auf ihren ungewöhnlichen Werdegang. Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein traute sie sich zunehmend, sich auf Positionen zu bewerben, die sie früher als «eine Nummer zu gross» empfunden hätte – und wurde zu Gesprächen eingeladen. Ihre Bewerbungsrichtung war nun nach leicht oben, wie im Artikel «Warum Sie sich nicht nach unten bewerben sollten» beschrieben. Auch wenn die Stellensuche etwas länger dauerte, stärkten sie die Einladungen zu Gesprächen und die positiven Rückmeldungen.
Schliesslich fand sie eine Stelle als Kundenberaterin mit dem Ziel, eine ältere Kundschaft zu betreuen. Die Aufgabe war neu für sie. Die Rekrutierenden erkannten ihr Potential und trauten ihr auch mit 58 zu, sich neues Wissen anzueignen.
Sie war bereit, beim Gehalt Zugeständnisse zu machen. Nicht aus Resignation, sondern als bewusste strategische Entscheidung in einer veränderten Arbeitsmarktsituation.
«Bald 60» war für sie kein Countdown zur Pensionierung, sondern ein Perspektivenwechsel. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe in einer Zeit längerer Erwerbsbiografien: nicht früher aufhören – sondern anders denken.
