Warum Sie sich immer als ganzer Mensch bewerben sollten

Eine Frage zu Beginn: Ein Kunde trainiert seit Jahren asiatische Kampfkunst. Welche Eigenschaften schreiben Sie ihm spontan zu?

Peter Näf
Zürich, Juni 2026

Ich verbinde damit Selbstbeherrschung, mentale und körperliche Stärke, Disziplin und Friedfertigkeit. Genau so habe ich ihn auch erlebt.

Er aber wollte dieses ausserberufliche Engagement, das er auf hohem Niveau pflegte, nicht in seinem Lebenslauf erwähnen. Er befürchtete, bei Rekrutierenden den Eindruck eines aggressiven Menschen zu hinterlassen.

Hüten Sie sich vor Hypothesen

Wie im Artikel «Was Sie vom Verhandlungsprofi für die Bewerbung lernen können» beschrieben, rate ich meinen Kundinnen und Kunden, sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was Recruiter oder Hiring Manager von ihnen denken könnten. Warum nicht? Weil unsere Annahmen meist danebenliegen – manchmal komplett.

Verstecken Sie nie Teile Ihrer Persönlichkeit, nur weil Sie glauben zu wissen, was andere denken könnten. Viele bewerben sich nicht – sie filtern sich selbst weg.

Auch frühere berufliche Erfahrungen würden manche am liebsten ausblenden. Ein Kunde, der ursprünglich als Pfleger gearbeitet hatte und sich später in eine ganz andere Richtung entwickelt hatte, hielt seinen ersten Beruf für irrelevant. Es war ihm peinlich, dass er den aktuellen Weg erst spät eingeschlagen hatte.

Bis ein Recruiter im Job-Interview eine Frage zur Belastbarkeit mit der Bemerkung zurückzog, diese sei ja aus seinem CV ersichtlich. Was mein Kunde für eine peinliche Altlast hielt, war für den Recruiter ein klarer Beweis seiner Belastbarkeit.

Sie sind mehr als ein Qualifikationsprofil

Ob Hobbys in den CV gehören, darüber lässt sich streiten. Ich selbst würde sie weglassen – lese sie aber oft mit Interesse. Entscheidend ist nicht das Hobby an sich, sondern was es über Sie als Mensch zeigt. Wer jedoch nur gefährliche Extremsportarten aufführt, weckt unter Umständen unnötige Sorgen.

Andere Berufe oder ausserberufliche Engagements, in denen Menschen sich fachlich oder persönlich weiterentwickeln, sind hingegen oft eine wertvolle Ergänzung zu einem rein beruflichen Qualifikationsprofil. Auch besondere Lebensumstände wie häufiges Umziehen in der Jugend gehören dazu. William Bridges beschreibt sie in seinem Karriere-Klassiker «Creating You & Co.» als Assets (siehe Artikel «Legen Sie all Ihre Assets in die Waagschale»).

Menschen erwerben sich dadurch Fähigkeiten, mit Veränderungen umzugehen oder sich in neuen Situationen schnell zurechtzufinden. Gerade Brüche im Lebenslauf sind oft die stärksten Trainingsfelder.

In Zeiten, in denen sich viele Bewerbende austauschbar präsentieren, Lebensläufe zu Buzzword-Wüsten werden und ChatGPT vieles glättet und vereinheitlicht, können Sie wieder mit Persönlichkeit punkten. Recruiter stellen keine Profile ein. Sie stellen Menschen ein.

Unter vermeintlich perfekten, aber kaum unterscheidbaren Avataren sticht am Ende der Mensch mit Ecken und Kanten heraus.

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