
«Ich habe einen Universitätsabschluss und AZEK!» So antwortet vor vielen Jahren ein Kunde im Job-Interviewtraining auf meine Frage: «Warum sollten wir gerade Sie für diese Stelle engagieren?» Was denken Sie – wie alt war der Kunde und was für einen beruflichen Hintergrund hatte er?
Peter Näf
Zürich, Oktober 2026
Haben Sie an einen Hochschulabsolventen gedacht? Weit gefehlt! Der Kunde war bei mir im Outplacement, nachdem er seine hoch qualifizierte Stelle bei einer Bank verloren hatte. Er war damals 50 Jahre alt und ein ausgewiesener Experte in seinem Fachgebiet.
Dies ist ein Beispiel dafür, wie selbst Top-Fachleute oft mit der Ausbildung beginnen, wenn sie nach ihrem beruflichen Hintergrund gefragt werden.
Gewohnheiten, die sich überlebt haben
Warum steigen sie nicht mit ihren stärksten Argumenten ein, mit dem, was sie vor anderen auszeichnet: ihrer umfassenden praktischen Erfahrung? Eine Erklärung sind die blinden Flecken in der Selbstwahrnehmung: Je routinierter wir sind, desto unbewusster werden wir. Die eigene Erfahrung lässt sich nicht so einfach kommunizieren wie ein Ausbildungsabschluss.
Vielleicht liegt das nicht nur an den Bewerbenden. Vielleicht trainieren Stelleninserate dieses Verhalten sogar. Ein weiterer Grund könnte nämlich die übliche Formulierung von Stelleninseraten sein. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass in den meisten Inseraten die Ausbildung als erste Anforderung genannt wird? Ich vermute, es handelt sich um eine Gewohnheit, die nicht mehr hinterfragt wird. Denn bei genauerer Betrachtung ist es unlogisch, zumindest bei Senior-Profilen.
Das ist etwa so, als würden Sie Meryl Streep zu einem Casting einladen und sie auffordern, ihr Schauspieldiplom mitzubringen – und bitte auch den Notenspiegel nicht zu vergessen.
Warum die Ausbildung trotzdem zuerst kommt
Mit zunehmender Seniorität verliert die Ausbildung relativ an Bedeutung gegenüber der praktischen Erfahrung. Denn formale Bildung ist nur eine Möglichkeit, sich benötigtes Wissen anzueignen. Stellenprofile werden intern oft nach Rubriken gegliedert: Ausbildung, Erfahrung, Persönlichkeit usw. Werden daraus Inserate formuliert, steht die Ausbildung häufig automatisch an erster Stelle. Als Lesende nehmen wir unbewusst an, das Wichtigste stehe zuerst – und argumentieren entsprechend.
Allerdings sehe ich heute vereinzelt Stelleninserate, in denen zuerst die geforderten beruflichen Erfahrungen beschrieben werden und dann erst die Ausbildung. Ein Umdenken scheint stattzufinden.
Nach unserem Training formulierte mein Kunde die Gründe für seine Rekrutierung folgendermassen: «Seit 25 Jahren bin ich als Finanzanalyst tätig». Nach dieser Zusammenfassung schilderte er seine praktischen Erfahrungen und erst am Schluss noch seinen akademischen Hintergrund.
