Konflikt ist die Grundlage des Erzählens

Das Rotkäppchen tänzelt singend durch den Wald. Bald gesellt sich der Wolf dazu, ihr zahmer Begleiter. Sie kommen am Garten des Jägers vorbei. Seit er die Flinte an den Nagel gehängt hat, hat er sich aufs Gemüse pflanzen verlegt. Er winkt den beiden Freunden fröhlich zu. Schliesslich erreichen sie das Haus der Grossmutter. Die rüstige Dame kommt gerade von ihrer Joggingrunde zurück und begrüsst die Besucher freudig. Gähn – was für eine unterhaltsame Geschichte!

Peter Näf
Zürich, Oktober 2026

Etwas überspitzt formuliert, hat mir Julia – Name geändert – ihre Erfolgsgeschichten im Outplacement etwa auf diese Weise erzählt. Ihre Erfolge waren beeindruckend, und anfänglich war ich von ihren Erzählungen durchaus angetan.

Julia war als Fachspezialistin im Fast-Moving Consumer Goods-Sektor tätig. Aufgrund ihres Ehrgeizes und ihres überdurchschnittlichen Einsatzes erhielt sie immer wieder Projekte, die eigentlich eine Gehaltsstufe über ihrer Position angesiedelt waren.

Geschichten – zu schön, um wahr zu sein

Ihre Geschichten verdienten den Respekt meines Kopfes, mein Bauch blieb seltsam unberührt und mein Herz völlig unbeeindruckt. Was fehlte? Schliesslich waren ihre Projekte keine Sonntagsspaziergänge. Es ging um Change-Projekte, die Umsetzung neuer Ideen, zusätzliche Arbeit für die beteiligten Mitarbeitenden und um eine Julia, die mit ihrer Zielstrebigkeit bei manchen durchaus Konkurrenzängste ausgelöst haben dürfte.

Plötzlich wurde mir klar: Entweder fehlte etwas in diesen Geschichten oder das Unternehmen beschäftigte ausschliesslich veränderungsbereite, teamorientierte, wohlwollende und angstfreie Mitarbeitende.

Wie sehr ich sie vermisste: Den bösen Wolf, der Julias Pläne durchkreuzte, da diese seine eigenen durchkreuzten. Ich vermisste die Grossmütter, die müde waren von den vielen Umstrukturierungen und einem langen beschwerlichen Berufsleben. Und wo war der Jäger, der dem Rotkäppchen zu Hilfe eilte? Oder wo war das Rotkäppchen, welches selbst zur Flinte greift – natürlich nur im übertragenen Sinn?

Niemand sucht Schönwetterkapitäne

Zugegeben: Auch ich brauchte eine Weile, um Julias Erzählweise zu durchschauen. Sie war rhetorisch ausgesprochen geschickt.

Worin bestand die Herausforderung im geschilderten Projekt? Wie haben die betroffenen Mitarbeitenden darauf reagiert? Welcher ihrer Vorgesetzten war am schwierigsten zu überzeugen? Meine Fragen verunsicherten sie zunächst, und sie wich ihnen aus. Wie sich im Gespräch zeigte, befürchtete sie, inkompetent zu wirken, wenn sie von Problemen sprach.

Dabei förderten die Fragen endlich Julias eigentliche Geschichten zutage: Sie war bei allen ihren Projekten auf grossen Widerstand gestossen. Das ist die Realität. Projekte erzeugen Widerstand. Veränderungen lösen Unsicherheit aus. Ein widerstandsloses Gleiten durch den Berufsalltag gehört ins Reich der Märchen. Nun wurde Julia in ihrer ganzen Kompetenz sichtbar: als Person, die Widerstände überwindet, nicht aufgibt und Herausforderungen mit Mut und Freude angeht.

Genau das wollen Hiring Manager und Recruiter im Bewerbungsprozess sehen. Denn Unternehmen stellen Menschen ein, um Probleme zu lösen. Bei schönem Wetter und ruhiger See sind alle hervorragende Schiffskapitäne.

#storytelling #kommunikation #bewerbung