Warum gute Kommunikationsgewohnheiten manchmal schaden!

Gewohnheiten sind praktisch. Wir tun vieles unbewusst – das vereinfacht unseren Alltag, macht uns effizient und schont den Arbeitsspeicher im Gehirn, wie ich es im Artikel «Wille ist Silber, Gewohnheit ist Gold» beschrieben habe. Lesen wir eine Situation jedoch falsch, führen uns Gewohnheiten in die Irre – auch in der Kommunikation.

Peter Näf
Zürich, Mai 2026

Es war harte Arbeit: Ich rang mit Jacqueline (Name geändert) und versuchte ihr aufzuzeigen, wie sie ihre komplexe Berufserfahrung im Bewerbungsgespräch mittels Storytellings vermitteln konnte. Ihre Aussagen waren professionell formuliert – sie war eine gute Kommunikatorin. Doch sie blieb durchgehend abstrakt. Kurz: Ich konnte nichts sehen.

Schliesslich erzählte ich ihr ihre eigene Berufserfahrung, indem ich zuerst das Unternehmen vorstellte, ihre Funktion erläuterte und ihre Tätigkeiten anhand konkreter Beispiele greifbar machte. Sie bestätigte, dass meine Schilderungen ihre berufliche Situation treffend beschrieben.

Nebelpetarden in der Kommunikation

Sie versuchte es erneut – und übersetzte meine konkrete Darstellung wieder in eine abstrakte Beschreibung. Ich war mit meinem Latein am Ende. Schliesslich sagte ich zu ihr: «Es kommt mir vor, als würdest du dich verstecken und deine Erfahrungen absichtlich vernebeln.»

Kaum ausgesprochen, kam mir eine Idee: Jacqueline hatte vor einiger Zeit eine Weiterbildung in Krisenkommunikation absolviert. Ich fragte sie, ob sie dabei gelernt habe, konkrete Sachverhalte zu vermeiden und stattdessen unverbindlich zu kommunizieren – so zu reden, dass man wenig sagt, ohne dass es auffällt. Sie bejahte.

Szenenwechsel – andere Situation, gleiches Prinzip: Giovanni (Name ebenfalls geändert) erzählte mir in der Standortbestimmung seine Erfolgsgeschichten. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Farbig und humorvoll schilderte er Episoden aus seinem Berufsleben, die seine ausserordentlichen Fähigkeiten zeigen sollten. Ich sass wie im Kinosessel.

Was ist das Ziel der Kommunikation?

Doch irgendetwas fehlte. Weil seine Geschichten so unterhaltsam waren, erkannte ich es zunächst nicht. Schliesslich sagte ich zu ihm: «Deine Erzählungen sind beeindruckend – aber irgendwie kommst du darin nicht vor. Ich sehe dich nur verschwommen.»

Kaum ausgesprochen, kam mir der Austausch mit Jacqueline in den Sinn, und ich erzählte ihm von ihrer vernebelnden Kommunikation. Giovannis Augen weiteten sich, er schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn und sagte: «F*** – genau!»

Er erklärte mir, dass er in seiner früheren Stelle sehr erfolgreich gewesen sei, seine Erfolge jedoch nicht zu sichtbar machen durfte. Sein Vorgesetzter habe ihn als Konkurrenten wahrgenommen und ihm Schwierigkeiten bereitet, sobald er zu präsent gewesen sei. Um in Ruhe arbeiten zu können, habe er sich kommunikativ zurückgenommen.

Es kann zielführend sein, in der Krisenkommunikation zu vernebeln – oder sich kurzfristig zurückzunehmen, um handlungsfähig zu bleiben. Doch das Ziel im Selbstmarketing ist ein anderes: Es geht darum, konkret und klar gesehen zu werden. Machen Sie sich deshalb in der Kommunikation stets bewusst, was das Ziel ist.

Wir können nicht in allen Situationen unbewusst handeln. Manchmal ist Gewohnheit eben nur Silber – und Bewusstheit Gold.

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