Erzählen Sie nicht nur die Sahnehäubchen

Stellen Sie sich vor: Sie kommen für ein Vorgespräch zu mir, um eine mögliche Zusammenarbeit zu besprechen. Dabei würde ich vor allem über meine redaktionellen Tätigkeiten, meine umfangreichen Skripts zu Beratungsthemen sowie über die Artikel sprechen, die ich regelmässig auf LinkedIn publiziere. Meine Beratungstätigkeit würde ich nicht weiter vorstellen, schliesslich ist ja bekannt, was ein Karrierecoach macht. Könnte ich mit Ihrer Zusage rechnen?

Peter Näf
Zürich, August 2026

Wohl kaum! Schliesslich sind Sie ins Vorgespräch gekommen, um mehr über meine Art des Karrierecoachings zu erfahren. Zu Recht würden Sie einwenden, dass sich Coaches sowohl in ihrem Dienstleistungsangebot als auch in ihrer Arbeitsweise unterscheiden.

Genau diese Situation erlebe ich zuweilen bei meinen Kundinnen und Kunden. Ein Beispiel: Manfred (Name geändert) war bei mir im Outplacement. Trotz Lebenslauf und ausführlicher Schilderungen seiner Tätigkeit als CFO blieb mein Bild von Manfred erstaunlich unscharf. Er erzählte ausführlich von Umstrukturierungsprojekten, der Einführung eines neuen ERP-Systems und seiner Beteiligung an M&A-Projekten. Was fehlte?

CFO ist nicht gleich CFO

Ich fragte mich: Ist Manfred eigentlich nur mit interessanten Spezialprojekten beschäftigt? Hat er keinen Berufsalltag mit all den vielen kleinen und mühsamen Aufgaben, die ebenfalls erledigt werden müssen?

Plötzlich sah ich die Lücke: Ich fragte ihn, wer denn in seinem Unternehmen die Oberaufsicht über das Rechnungswesen und Controlling habe, wer sich um Finanzierungsfragen kümmere und wer die Geschäftsleitung in finanziellen Belangen berate. Er schaute mich leicht irritiert und fragend an: «Na, ich natürlich – aber das ist ja wohl selbstverständlich!» Ist es das?

Man könnte tatsächlich auf die Idee kommen, das Pflichtenheft eines CFO sei klar, schliesslich gibt es ihn in jedem grösseren Unternehmen. Allerdings sind unterschiedlichste Ausgestaltungen möglich: Stellt der CFO in einem KMU vor allem das Rechnungswesen sicher und erstellt den Jahresabschluss, ist er bei einem internationalen Konzern für komplexe Finanzierungen zuständig, muss er für ein Start-up mit Finanzierungsrunden das Unternehmenswachstum sicherstellen oder verantwortet er bei einem börsenkotierten Unternehmen auch die Finanzmarktkommunikation mit?

Die Krux des scheinbar Selbstverständlichen

Manfred hat mit seinen ihn am meisten interessierenden Spezialprojekten die Sahnehäubchen kommuniziert, dabei aber die Torte vergessen.

Was uns selbstverständlich erscheint, lassen wir in der Kommunikation oft weg – manchmal bewusst, wie bei Manfred, oft aber auch unbewusst (siehe Artikel «50plus – (selbst-) unterschätztes Potential»). Die typischen CFO-Aufgaben erschienen Manfred selbstverständlich, weil er sie seit vielen Jahren routiniert und damit zunehmend unbewusst erledigte.

Genau diese Aufgaben waren aber die Hauptanforderungen der Stellen, auf die er sich bewerben wollte. Wir haben daraufhin sowohl den Lebenslauf als auch seine mündliche Kommunikation angepasst. Zuerst sprach er über die Aufgaben, die ihn als CFO ausmachten. Die interessanten Spezialprojekte kamen danach hinzu – als Sahnehäubchen, nicht als Torte.

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